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Geschichte der Auswanderung

 

Die Gründe für die im 18. und 19. Jahrhundert erfolgte Auswanderung Tausender Deutscher

Wirtschaftliche Gründe: Besonders die Orte der hessischen Mittelgebirge südlich der Linie Gießen-Fulda wurden von der Russlandemigration erfaßt, darmstadtwobei die Schwerpunkte im Gebiet des Odenwaldes und des Vogelsberges lagen. Die bäuerliche Bevölkerung war in dieser Region im Hinblick auf die Bodenverhältnisse und das Klima nicht gerade begünstigt. Sie hatte noch im 18. Jh., nach den großen Verlusten während des Dreißigjährigen Krieges, wieder stark zugenommen; die landwirtschaftliche Nutzfläche vermehrte sich jedoch nicht. Die Erbteilung führte in manchen Orten dazu, daß der Landbesitz nur noch einen halben Hektar pro Kopf der Bevölkerung betrug. Die Böden waren erschöpft. Auf der anderen Seite wurden Abgaben und Frondienste vermehrt, da die landesfürstlichen Kassen nach dem Krieg wieder aufgefüllt werden mußten. Auch war die Möglichkeit eines Ausweichens in eine gewerbliche Tätigkeit für landarme Bauern stark eingeschränkt. Für eine ständig sich vermehrende ländliche Bevölkerung bot die Auswanderung eine Möglichkeit, dem sozialen Abstieg oder dem Wechsel in eine andere Sozialschicht zu entgehen, denn nichterbberechtigte Bauernsöhne bzw. landarme Bauern konnten auf diese Weise zu einem eigenen Hof kommen. Die Auswanderung aus Hessen ging erst zurück, als unter dem Minister Friedrich Karl von Moser die verheerenden Wildbestände reduziert wurden und durch Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion (Stallfütterung durch Kleebau, Wiesenmelioration, Kartoffelanbau) eine Besserung der Verhältnisse erreicht werden konnte. Die Auswanderung aus dem mittleren Rheinland und aus der Pfalz hatte gleichfalls vorwiegend wirtschaftliche Gründe. Ebenso bei den Auswanderern aus Anhalt-Dessau, wo der hohe Handwerkeranteil hervorsticht und wenige erfahrene Landwirte unter den Auswanderern waren. Hier waren städtische Schichten in eine mißliche Lage geraten. In der Rheinniederung (Pfalz, Elsaß, Nordbaden) verschärfte sich besonders nach den Napoleonischen Kriegen die wirtschaftliche Lage, und in manchen Gebieten traten Hungersnöte auf, besonders im Jahre 1816. Infolge von Nässe und Kälte war es zu einer totalen Mißernte gekommen. Der Viehbestand ging um zwei Drittel zurück. Vorräte waren aufgrund der zurückliegenden Kriegszeit nicht vorhanden. Politische Gründe: Die geographischen Gegebenheiten, demographischen Entwicklungen und sozialökonomischen Verhältnisse, die zur Auswanderung Tausender führten, gingen einher mit den konkreten politischen Wirrnissen jener Zeit. Von den Folgeerscheinungen des Siebenjährigen Krieges (1756 - 1763) war vor allem Hessen in besonders starkem Maße in Mitleidenschaft gezogen worden. Fremde Truppen durchzogen und verwüsteten das Land, Kriegssteuern wurden erhoben, während zur gleichen Zeit die Fürsten ein verschwenderisches Leben führten.hessen_soldaten Der hessische Landgraf Friedrich II. schloß Subsidienverträge ab, durch die hessische Soldaten gegen hohe Geldleistungen an fremde kriegsführende Mächte unter englischer Fahne kämpften z. B. 17.000 nordhessische Soldaten – ausgeliefert wurden. Auch die deutschen Länder am Oberrhein bekamen die Not der Kriege zu spüren. Die im 18. Jahrhundert verstärkt betriebene Besiedlungspolitik der russischen Regierung lehnte sich an die von anderen europäischen Mächten betriebene Kolonisationspolitik an, die auch als Peuplierungspolitik bezeichnet wird.

Die massenhafte Ansiedlung bäuerlicher Kolonisten diente neben der wirtschaftlichen Erschließung der eroberten Gebiete auch deren Verteidigung gegen Überfälle nomadisierender Stämme. Da aber ca. 75% der russischen Bauern als Leibeigene an ihre Herren gebunden waren, kamen für diese Aufgaben nur die so genannten "Staatsbauern" (Kronsbauern) oder aber ausländische Kolonisten in Frage.

Durch Zarin Katharina II. kam es zu einer planmäßigen Ansiedlungen von bäuerlichen Kolonisten in den neu eroberten und noch unerschlossenen Gebieten im Süden des Reiches. Die meisten dieser Kolonisten kamen aus Deutschland. In ihrer Ansiedlungspolitik ließ sich Katharina II. ebenfalls von der in Westeuropa betriebenen Peuplierungspolitik leiten, deren Grundzüge auch in Vorschlägen von Lomonossow enthalten waren.
Ein erster Schritt zur Anwerbung von Kolonisten war das Manifest vom 14. Oktober 1762, in dem der Senat ausdrücklich die Erlaubnis erhielt, Ausländern die Ansiedlung im Land zu gestatten.
Da die Veröffentlichung dieses ersten Manifestes wegen seines nur summarischen Inhalts nicht die erhoffte Resonanz im Ausland hatte, unterschrieb Katharina II. das Manifest vom 22. Juli 1763, in dem weitgehende Privilegien für die Siedler in Aussicht gestellt wurden...

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Hessen-Darmstadt


Ansiedlungsarbeiten an der Wolga

ankunftNachdem die Kolonisten an der Wolga angelangt waren, mußten die Standorte für die zu errichtenden Siedlungen festgelegt werden. Das Kommando von Johann Reiss hatte bis April 1764 die Standorte für die ersten fünf Kolonien festgelegt. Jede Kolonie konnte nur in Abhängigkeit von der Bodenbeschaffenheit und von der Lage zur Wasserstelle angelegt werden. Die anzulegenden Orte hatten zunächst keine eigenen Namen, sondern erhielten Ordnungsnummern. Den aus Petersburg abreisenden zukünftigen Kolonisten wurde 1764/65 ein Lageplan und die entsprechende Nummer angegeben. Die Bebauungspläne für die Kolonien wurden in Saratow erstellt. Voraussetzung für die Bebauung war das Vorhandensein von Flüssen oder Quellen für die Wasserversorgung. Verantwortlich für die Musterpläne war vorerst die Vormundschaftskanzlei für ausländische An- siedler (Tutelkanzlei), die seit dem Februar 1764 existierte. 1766 wurde in Saratow das Fürsorgekontor für ausländische Ansiedler gebildet, das nun unter Beibehaltung des Nummernsystems die Ansiedlung der Kolonisten zu regulieren begann . Dem Fürsorgekontor gelang es, den größten Teil der Kolonisten mit soliden Häusern, Wirtschaftsgebäuden und notwendigem landwirtschaftlichen Gerät zu versorgen. Errichtet wurden vorerst Blockhäuser, die aus zwei Räumen bestanden und für zwei Familien vorgesehen waren. Jede Wohnung hatte 60 Quadratmeter Grundfläche. Für die Bauarbeiten wurden 1764 aus den nahegelegenen russischen Dörfern etwa 600 Zimmerleute und 300 Ziegelbrenner, die auch die Wände mauerten, eingesetzt. Später wurden für die Bauarbeiten auch Arbeitskräfte aus Samara und Simbirsk angeworben. Geplant war, insgesamt 5.500 Zimmerleute, 1.700 Fuhrleute und 350 Ziegelbrenner und Schmiede einzusetzen. Bis Ende 1768 wurden 4.451 Häuser errichtet. 1768 bis 1769 mußte sich nur noch ein Teil der Kolonisten mit einer zweiten Familie das Haus teilen. Die Erstbeschaffung von Vieh erledigten die Kolonisten selbst mit Hilfe der ihnen gewährten Darlehen, die ursprünglich 200 Rubel je Familie betrugen, später wesentlich reduziert wurden. Auf der Grundlage der Manifeste von Katharina II. kamen von 1763 bis 1772 insgesamt 30.623 Personen nach Rußland und wurden überwiegend an der Wolga bei Saratow angesiedelt.

 

Wolgadeutsche Kolonien...

 

Klima im Wolgagebiet

Das ehemalige Siedlungsgebiet der Wolgadeutschen ist aufgrund des Einflusses des asiatischen Hochdruckgebietes durch ein kontinentales Klima gekennzeichnet. Süd-, Südost- und Ostwinde herrschen hier vor. Sie sind von September bis Anfang April für die kalten Luftmassen aus Mittelasien verantwortlich. Nordwest-, West- und Südwestwinde, die über die verschiedenen Jahre unterschiedliche Niederschläge bringen, treten lediglich im Frühsommer auf. Die Niederschlagsmenge beträgt auf der westlichen Bergseite der Wolga etwa 350 mm jährlich. Die im Regenschatten der Wolgahöhen liegende östliche Wiesenseite erhält durchschnittlich nur 260 mm. Ausläufer des Azoren-Hochs, die mit dem asiatischen Hochdruckgebiet zusammentreffen, sorgen während der Sommermonate für einen meist wolkenlosen, tiefblauen Himmel. Die relative Luftfeuchtigkeit, die durchschnittlich 40 - 55 % beträgt, sinkt während der sommerlichen Staubwinde aus Mittelasien, dem „Höhenrauch“, im Tagesdurchschnitt auf 20 -15 %. Diese Trockenwinde können der gesamten Vegetation großen Schaden zufügen. Steigen die Temperaturen im Sommer manchmal über 40° C, so können sie im Winter unter - 40° C sinken. Die Vegetationszeit beträgt hier nur 140 - 150 Tage. Alle vier bis fünf Jahre treten in diesem Gebiet schwere Dürreschäden auf, die zu starken Missernten, ja sogar zum Totalausfall der Ernte führen können.

 

QuelleLexikon zur Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen, Teil 2, Ortslexikon

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